Was Wayne Rooney damit zu tun hatDie unglaubliche Geschichte hinter der größten Pokal-Sensation aller Zeiten

Der unbestritten schönste Wettbewerb im Fußball ist der Pokal, nicht nur in Deutschland. In England kommt es an diesem Wochenende zur größten Sensation der 155-jährigen Pokalgeschichte. Dahinter entfaltet sich eine Geschichte voller Tragik und Hoffnung zugleich.
Die Geschichte vom Pokal und den eigenen Gesetzen ist so alt wie der Fußball. Sie ist die Essenz des großen Versprechens des Fußballs: Der größte Außenseiter kann den Top-Favoriten schlagen. Nicht über die Dauer einer Saison, aber in einem einzigen Spiel über 90 Minuten. Es geht um diesen einmaligen Moment, der alles überstrahlen kann, der Jahrzehnte überdauern kann. Der von den in diesen Momenten Anwesenden in Erzählungen weitergegeben und größer, größer, größer wird. Bis er nicht mehr auszuhalten ist. Er entwickelt sich zu einem Sehnsuchtsort der kollektiven Erinnerung, an dem man immer einkehren kann.
Diese Geschichten werden in allen Ländern erzählt. Manchmal, wenn die Momente schon in ihrer Entstehung überlebensgroß und universell sind, überqueren sie Grenzen. Im seit 1872 ausgetragenen englischen FA-Cup kam es an diesem Wochenende zu so einer Geschichte. Im Mutterland des Fußballs passiert etwas, das getrost als die größte Pokalsensation aller Zeiten beschrieben werden darf.
Das hat es seit 117 Jahren nicht mehr gegeben
Zum ersten Mal seit 1909 scheiterte der Titelverteidiger in der ersten Pokalrunde, die in England aufgrund der Vorqualifikation die dritte Runde ist, an einem Non-League-Klub, einem Amateurverein. "The magic of the cup" heißt es dann auf der Insel, der Zauber des Pokals, der in Deutschland eben seine eigenen Gesetze hat.
Das 1:2 des vom ehemaligen Bundesliga-Trainer Oliver Glasner trainierten Titelverteidigers Crystal Palace bei Macclesfield Town reihte sich mit diesem historischen Debakel ausgerechnet in eine Reihe mit dem Spiel zwischen den Wolverhampton Wanderers und Crystal Palace vor 117 Jahren ein. Damals gewannen die in der damaligen Southern League heimischen Londoner gegen einen der großen Klubs der ersten Dekaden des Fußballs. Überhaupt noch nie war zuvor ein Klub aus der Premier League gegen eine im englischen System fünf Ligen unter ihm angesiedelten Verein ausgeschieden.
Vor Rettung vier Tage lang getrunken
Diese harten Fakten aber waren es nicht, die die englische Fußball-Ikone Wayne Rooney nach dem Spiel zu Tränen rührten. Der ehemalige Nationalspieler war als Experte der BBC live vor Ort und sah, wie sich Macclesfield in den letzten Minuten gegen den Ausgleichstreffer stemmte. "Ich werde emotional", sagte Rooney. Im Hintergrund stürmten ungläubige Fans den Platz. "Zu sehen, wie mein jüngerer Bruder, der noch nicht lange Manager ist, eine Mannschaft aus der Premier League besiegt hat ... Ich bin so stolz." Es sei eine "großartige Leistung. Was er heute erreicht hat, ist absolut hervorragend".
Dass der 35-jährige John Rooney überhaupt Trainer in Macclesfield werden konnte, hängt mit dem tiefen Sturz des Vereins zusammen. Der 1874 gegründete Klub, der selten mehr war, als ein lokaler Verein, hatte zu viele Schulden angehäuft. In der Pandemie zerbrach es sie 2020. Der Verein aus der Nähe Manchesters wurde aufgelöst, neu gegründet und wieder komplett im Lokalen angesiedelt. Um das Moss-Ross-Stadion an der London Road entstanden Treffpunkte für die Anhänger.
"Ich bin sprachlos. Das ist wie ein Traum", sagte Klub-Boss Rob Smethurst, der zugab, nicht ganz bei Sinnen gewesen zu sein, als er den Klub vor rund sechs Jahren kaufte. Zuvor habe der Unternehmer "vier Tage lang getrunken". Smethurst holte mit dem in Wrexham geborenen, ehemaligen Profi Robbie Savage einen Freund an Bord.
Hollywood machte einen Bogen um Macclesfield
Der ehemalige walisische Nationalspieler war das Gesicht des Vereins, trainierte ihn bis zum vergangenen Sommer. Für einige Zeit war Macclesfield ein Kandidat für die Übernahme durch Hollywood. Dort aber entschied man sich für Wrexham, die dieser Tage ihrerseits mit einem Sieg gegen Nottingham eine kleine Sensation feierten. Macclesfield in Cheshire sei mit den dort lebenden Profis aus dem nahen Manchester und den Börsenhändlern schlichtweg zu bürgerlich. So drehte nur die BBC eine Doku über den Klub.
"Rob und Robbie haben den Verein gerettet", erzählt ein Fan in der Doku. Ein anderer sagt: "Diese kleinen Städte an der Peripherie großer Städte hatten immer diesen einen Punkt, an dem sich am Samstag alle trafen, und miteinander sprachen, auch wenn sie es den Rest der Woche nicht taten. Das ist Macclesfield Town." Sie hatten, gaben sie zu, Angst, dass dieser Ort nie wieder zurückkehren würde.
Ein Todesfall im Dezember
Seit diesem Jahr steht nun statt Savage der junge Rooney an der Seitenlinie. Am Samstag konnte er seinem Kapitän Paul Dawson danken. Der erzielte das 1:0 für seinen Klub, sagte später: "Mein stärkster Fuß ist der Kopf". Dann berichtete er davon, wie Rooney ihn erst am vergangenen Dienstag aus dem Stadion geschmissen hatte. Da saß Dawson noch auf einem Traktor. Er wollte den Platz vom Schnee befreien. "Ich habe ihn nach Hause geschickt. Ihm gesagt, dass er sich ausruhen solle", erzählte John Rooney noch so eine ikonische Geschichte, die in der Erinnerung wachsen wird.
Eine andere Geschichte, die im Jubel nicht unterging, war eine voller Tragik. Am 16. Dezember verstarb Ethan McLeod, der erst 21-jährige Angreifer der "Silkmen", der Seidenmänner, bei einem Unfall. Rooney hatte vor dem Spiel eine Nachricht von McLeods Vater erhalten - doch aus Rücksicht auf seine Spieler teilte er sie erst danach mit. "Ich wollte keinen zusätzlichen Druck erzeugen", erklärte er. Die Eltern des tödlich verunglückten ehemaligen Mannschaftskameraden besuchten die Pokalhelden anschließend in der Kabine, in den ausgelassenen Jubel mischten sich Tränen. "Wir halten alle zusammen", sagte der Coach. "Es wird nie einfacher werden. Wir haben immer noch Bilder in den Umkleideräumen, die nie verschwinden werden. Er schaut heute auf uns hinab."
Und jetzt nach Ibiza
Als alles vorbei war, standen die Spieler von Macclesfield Arm in Arm in eben jener Umkleidekabine. Adeles "Someone Like You" dröhnte aus den Boxen. Die Spieler grölten, klopften auf den Tisch und spritzten mit ihren Wasserflaschen. In der Mitte stand der Kapitän Dawson mit seinem Dieter-Hoeneß-Gedächtnisturban um den Kopf. Den hatte er sich bereits vor seinem Kopfballtreffer zum 1:0 umlegen lassen müssen und nun dirigierte er. "Don't forget me, I beg", sangen sie. "Sometimes it lasts in love, but sometimes it hurts instead."
Rob Smethurst, der trinkfeste Retter des Klubs, hatte zuvor den Platz gestürmt und "Ibiza" geschrien. Er kündigte an, sein Versprechen einzulösen. "Ich habe die Ibiza-Reise mit den Jungs schon geplant", sagte er. Der Flieger gehe "nicht sofort, aber definitiv" nach der Saison. Den Party-Ausflug in die Sonne hatte Smethurst seinen Spielern für den unwahrscheinlichen Fall der Sensation versprochen.
John Rooney meinte: "Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es gibt immer diese kleine Hoffnung, dass an diesem Tag alles passieren kann." Da war sie wieder, die Geschichte vom Pokal und den eigenen Gesetzen. Sie ist so alt wie der Fußball an sich. Und sie spendet Hoffnung. Nicht nur im Fußball.